Das neue Gebetsrad

Und sie dreht sich… und dreht sich…

83 Umdrehungen macht sie ohne weiteres Zutun, wenn man sie einmal so richtig in Schwung gebracht hat. Das „Testergebnis“ nach der Fertigstellung der ersten großen Gebetstrommel im Garten unseres Zentrums fiel sehr gut aus und Drubpön Champa Rigzin war sichtlich zufrieden. Die neueren Gebetstrommeln in Ladakh schaffen vielleicht 30 Umdrehungen, die alten an manchen Orten nur ein oder zwei. Das ist sicher nicht das Entscheidende bei einem Gebetsrad, aber zumindest eine Eigenschaft, die man direkt erkennen und messen kann.

Dem glücklichen Tag der Fertigstellung gingen allerdings einige Tage des Grübelns und der Vorbereitungen voraus. Keiner von uns hatte bisher ein Gebetsrad gebaut und Drubpön Champa weilte noch im fernen Indien. Anhand einiger Ratschläge, die er bei seinem letzten Besuch vor gut einem Jahr gegeben hatte, versuchten wir, eine Konstruktion zu entwickeln, die zu den Abmessungen des Pavillons passt und einfach, aber doch stabil ist. So haben wir mit Architekten und Metallbauern gesprochen und immer wieder neue Ideen in die Pläne einfließen lassen. Nicht zuletzt hatte auch Drubpön Champas Erfahrung und Neigung zu einfachen, praktischen Lösungen einen entscheidenden Einfluss. So konnten wir z.B. in der umgesetzten Konstruktion einen stabilen Edelstahlfuß verwenden, der noch von den vorherigen Bewohnern des Zentrumshauses stammt, wodurch die Kosten reduziert werden konnten.

Das Herz des Gebetsrades, die beiden großen Mantra-Rollen, haben wir zusammen mit Drubpön Champa in den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Aachen fertig gestellt. Über das Volumen der späteren Trommel haben wir abgeschätzt, wie viele Blatt Papier wir bedrucken lassen müssen. Dabei war nicht klar, wie stark sich das Papier wellen würde, da die Blätter mit einer Lösung aus Safran, Kardamom, Nelken, Muskat und anderen Substanzen eingestrichen werden sollten.

So ließen wir ca. 10.000 Blatt DIN A1 Papier mit dem Mantra OM MANI PADME HUNG in sehr kleiner tibetischer Schrift bedrucken. Auf einem Blatt befinden sich 33.280 Mantras. Da insgesamt 10.400 Seiten verwendet wurden, beinhaltet das Gebetsrad etwa 346 Mio. Mantras. Um eine Vorstellung von dieser Anzahl zu bekommen, kann man folgendes Beispiel nehmen: für das Rezitieren aller Mantras bräuchte man gut 28 Jahre, wenn man im Schnitt in drei Tagen 100.000 Mantras spricht.

Es roch im ganzen Haus nach der Mischung der schon erwähnten Substanzen, mit denen wir das Papier mit den Mantras eingestrichen haben. Nach dem Trocknen wurde das Papier um die Achse gewickelt. Dabei wurden jeweils mehrere Blätter um einige Zentimeter versetzt am Boden aufeinander gelegt und anschließend fest auf die Rolle gewickelt. Eine sportliche Übung war es, mehrere Male mit der Rolle hin und her zu fahren, wobei man möglichst viel Druck auf die Rolle bringen musste. Dadurch legt sich das Papier sehr eng um die Achse, so dass die Rolle später in sich stabil ist. Eine fertige Rolle wiegt nämlich ca. 200 kg.

Bevor die beiden Rollen dann auf das Gebetsrad gesetzt wurden, erhielten sie als Schutz einen Überzug aus Stoff. Aufgrund des hohen Gewichtes und der Konstruktion wurde die Trommel zunächst auf dem Boden zusammengebaut. Zwischen einem unteren und oberen Teller befinden sich die beiden Mantra-Rollen, die von einem Aluminiummantel umschlossen werden. Auf dem unteren Teller ist ein Handlauf angebracht, durch den man das Rad später in Bewegung setzen kann. In der Mitte befindet sich die eingesteckte Achse, die in den Fuß des Gebetsrades eingeschraubt werden musste.

Zunächst galt es, die Trommel soweit anzuheben, dass der Fuß angebracht werden konnte. Damit waren wir einige Stunden beschäftigt, da wir Zentimeter für Zentimeter die insgesamt 500 kg wiegende Trommel aufbocken mussten. Als der Fuß befestigt war, stand das gesamte Gebetsrad auf dem unteren Kugellager, durch das das große Gewicht über eine Holzeinfassung an einen breiten Betonsockel weitergegeben wird, der vorher unter dem Pavillon gegossen worden war. Nach Anbringung des oberen Führungslagers konnten wir die ersten Drehversuche machen, die, wie schon beschrieben, sehr gut liefen.

Drubpön Champa hatte schon am Morgen mit den Vorbereitungen für die Segnung begonnen und führte nun an dem Gebetsrad den Hauptteil der Zeremonie durch. Zu diesem Zeitpunkt wirkte das Gebetsrad etwas technisch, da der Aluminiumzylinder und auch die Holzteller noch keinen Anstrich bzw. Bemalung hatten. Mittlerweile leuchten sie aber in rubinroter Farbe und auf dem Zylinder erscheinen nach und nach immer mehr in Gold strahlende OM MANI PADME HUNG Mantras, die in Sanskrit ausgeführt werden. Es wird noch eine Zeit brauchen, bis alle Mantras auf der Außenhülle zu sehen sind, da die niedrigen Temperaturen das Malen schwierig machen. Spätestens im Frühjahr sollte dann jedoch alles vollständig sein. Es ist aber auch schon jetzt sehr verdienstvoll, das Gebetsrad zu drehen und jeder, der ins Zentrum kommt, ist herzlich eingeladen, es in Schwung zu setzen und zu umrunden.

Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass dieses Projekt realisiert werden konnte. Insbesondere sind wir Drubpön Champa Rigzin sehr dankbar für seine ideelle, praktische und spirituelle Unterstützung. Ohne seine Erfahrung wäre es sicher nicht möglich gewesen, alles in so vollkommener Weise zu vollenden. Des Weiteren möchten wir Martin Stehr herzlich danken, der mit guten Vorschlägen sowie handwerklichem Geschick und Einsatz maßgeblich zum Entstehen beigetragen hat. Thomas Behrens hat durch seinen Sachverstand, die Vermittlung von guten Handwerksbetrieben und die Hilfe beim Transport wichtige Impulse gegeben und praktische Hilfe geleistet, worüber wir uns sehr gefreut haben. Für die Mitarbeit von Zentrumsmitgliedern, die Tausende von Mantra-Blättern mit den kostbaren Substanzen eingestrichen haben und Helfer, die beim Zusammenbauen und Installieren des Gebetsrades bereit standen, möchten wir auch herzlich Dank sagen. In vielen Stunden hat und wird Norbert Lösche die Mantras mit goldener Farbe auf den Zylinder malen. Wir schätzen seine geduldige und ausdauernde Arbeit sehr.

So ein Gebetsrad ist natürlich auch mit finanziellen Aufwendungen verbunden. So hat das ganze Projekt ca. 3.500 € gekostet, wobei ca. 800 € auf den Bau des Pavillons entfallen, 1.100 € auf die Konstruktion und 1.600 € auf den Inhalt des Gebetsrades. Durch Spenden konnten wir bisher gut 2.000 € decken. Wir bitten daher um weitere Spenden, so dass das Defizit für das Zentrum ausgeglichen werden kann.

Möge es vielen Nutzen bringen!

Aus Rundbrief 1/2007