Die 37 Bodhisattva-Übungen

Es ist nur ein kleines Heft mit 37 Versen und einigen Versen zur Einleitung und zum Abschluss, sodass man es leicht zur Hand nehmen und immer wieder hineinschauen kann. Diese Verse beinhalten aber eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Entwicklungsstufen bis hin zur Buddhaschaft. Sie sind wie eine Landkarte, die uns die Richtung weist. Auf Grund seiner Kürze kann der Text leicht rezitiert werden und wir können unsere Handlungen im Alltag nach und nach mit den Ratschlägen in Verbindung bringen.

 

Die vollkommenen Buddhas, die der Ursprung von

allem vorübergehenden Nutzen und endgültiger Freude sind,

gingen aus der Praxis der ausgezeichneten Lehre hervor.

Da diese Praxis von der Kenntnis der Übungen abhängt,

werde ich die Übungen der Bodhisattvas erläutern.

Da in diesen kurzen Versen alle Lehren des Buddha zusammengefasst sind, gibt es zahlreiche Kommentare, die die verschiedenen Themen ausführlicher erläutern, sodass wir die richtige Sichtweise zu ihrer Umsetzung entwickeln können. Dazu gehören z.B. „Der kostbare Schmuck der Befreiung“ von Gampopa, die „Essenz der Mahayana-Lehren“ und viele andere Kommentare, die die Entwicklung auf den Pfaden erläutern. In Shantidevas Bodhicaryavatara – „Der Weg des Lebens zur Erleuchtung“ – sind die Übungen der Bodhisattvas ebenfalls ausführlicher dargestellt.

Es ist wichtig, immer wieder grundlegende Erklärungen zu erhalten und dadurch nach und nach die richtige Einstellung zu entwickeln, die den Übungen vorausgeht. Auf diese Weise können wir ihren tiefen Sinn erfahren und einen großen Nutzen für uns selbst und für das Wohl anderer bewirken. So erklärte Kyobpa Jigten Sumgön, der Gründer der Drikung Kagyü Linie, dass die grundlegenden Übungen wichtiger sind als die fortgeschrittenen. Wenn alle Ursachen und Bedingungen vorhanden sind, tritt das Ergebnis wie von selbst ein.

Zuerst müssen wir sehen, wo wir uns befinden und welchen Weg wir gehen können. Wir können uns überlegen, was für uns selbst in diesem oder im nächsten Jahr von Nutzen ist, was wir benötigen und wie wir unser Leben gestalten können. Danach können wir uns Gedanken darüber machen, was  bis zu unserem Lebensende wichtig für uns ist und wie wir dieses kostbare Menschenleben bedeutungsvoll machen können. Schließlich überlegen wir, wie wir auch im nächsten Leben wieder eine günstige, menschliche Wiedergeburt erlangen können, um auf lange Sicht Glück zu erfahren und Leiden zu vermeiden usw. Indem wir zuerst all diese Stufen durchlaufen, können wir unseren Geist stabilisieren und falsche Einstellungen durch eigene Erkenntnisse ändern. Hindernisse werden beseitigt und wir erfahren immer mehr Positives in unserem Leben. Wenn wir auf diese Weise Fortschritte machen, können wir schließlich auch größere Aufgaben ausführen. So werden nach der Zufluchtnahme (Vers 7) die Stufen der Wesen mit anfänglicher (geringerer) Kapazität, mit mittlerer Kapazität und mit höherer Kapazität angesprochen:

 

(8) Die äußerst schwer zu ertragenden Leiden

der niederen Daseinsbereiche wurden vom Buddha als Resultat

verwerflicher Handlungen gelehrt.

Deswegen ist es eine Übung der Bodhisattvas, niemals verwerfliche

Handlungen zu begehen, selbst wenn es sie das Leben kostet.

 

(9) Die Freuden der drei Daseinsbereiche

gleichen einem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms:

In einem einzigen Augenblick sind sie verronnen.

Es ist eine Übung der Bodhisattvas die

exzellente, unwandelbare Befreiung anzustreben.

 

(10) Wenn die Mütter, die mich stetig liebten, leiden,

was nützt mir dann mein eigenes Glück?

Deswegen ist es eine Übung der Bodhisattvas,

den Entschluss zu Erwachen zu fassen,

um die zahllosen Wesen zu befreien.

 

Wenn wir uns über unsere Entwicklung und Ziele klar geworden sind und die notwendigen Grundlagen für uns geschaffen haben, können wir auch die anderen Wesen einbeziehen und einwickeln Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta. Bodhicitta (Skrt.), der Erleuchtungsgeist oder das ‚Herz der Erleuchtung’, ist wie ein wunscherfüllendes Juwel für alles, was unser Herz jemals begehren könnte. Man könnte sagen, dass alle Freude, die sich irgendwo in den Lebensbereichen dieses Kreislaufs von Wiedergeburten zeigt, darauf zurückgeht, dass diese liebevolle Geisteshaltung mehr oder weniger vorhanden ist. Deswegen ist diese Geisteshaltung die Wurzel für alle, die nach Freude streben und die uns zur Buddhaschaft führt.

Der letztendliche Grund zur Verwirklichung der Buddhaschaft liegt bereits in uns. Alle Wesen besitzen die Buddha-Natur und tragen daher den Samen der Erleuchtung in sich. Dies wird durch den Wunsch, die vollkommene, vollständige Erleuchtung zum Wohle anderer zu erreichen, ausgedrückt. Daher heißt es, dass Bodhicitta, der Erleuchtungsgeist, die jedem Wesen innewohnende Erleuchtungsfähigkeit ist. Jemand, der diese Geisteshaltung entwickelt hat, wird als ‚Bodhisattva’ bezeichnet. Die Buddhaschaft ist die zur Vollkommenheit gebrachte Praxis von Bodhicitta.

Durch das Erkennen der Buddha-Natur und der Qualitäten der Erleuchtung entwickelt man die große Motivation des Mahayana. Das Mahayana ist neben dem Hinayana die zweite der beiden großen Schulrichtungen des Buddhismus. Es unterscheidet sich in der Betonung verschiedener Aspekte der Lehre. Das Ziel des Mahayana ist es, die Erleuchtung (Buddhaschaft) zu erlangen, um zum Wohle aller Wesen wirken zu können. Dieses Ideal wird im Bodhisattva (Skrt., ‚Erleuchtungswesen’) verkörpert, der besonders großes Mitgefühl besitzt.

Die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl ist die Grundlage, um zum Nutzen der fühlenden Wesen wirken zu können. Nach der Entwicklung von Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta führt man die Handlungen der Bodhisattvas aus, zu denen die 37 Bodhisattva-Übungen gehören. Diese wurden in einem berühmten Text, der in allen tibetischen Traditionen verbreitet ist, von Gyalse Togme Zangpo (1295-1369) zusammengestellt. Die einzelnen Verse beinhalten alle Lehren des Buddha und es gibt keine Übung, die nicht darin enthalten wäre. Die Übungen umfassen alles, was man als Handlungen der Bodhisattvas bezeichnet, mit denen man an das Ziel der Buddhaschaft gelangt: die vorbereitenden Übungen, die Übungen auf den Stufen und Pfaden, das Umwandeln von Hindernissen in den Pfad, die sechs Vollkommenheiten und weitere Ratschläge. Diesen Weg sind alle Buddhas, Bodhisattvas, Meister und Verwirklichte gegangen und auch die großen Meister der Gegenwart, wie S.E. Garchen Rinpoche und viele andere, empfehlen uns immer wieder, die 37 Bodhisattva-Übungen in unserem Leben anzuwenden.

Dharma zu praktizieren bedeutet, dass wir unsere innere Einstellung verändern und unseren Geist zähmen. Wenn wir unseren Geist zähmen und keine störenden Emotionen oder Geisteshaltungen mehr haben, dann werden wir wirklich glücklich sein und können auch andere daran teilhaben lassen. Der Dharma hat die Eigenschaft, dass wir umso glücklicher werden, je mehr wir uns auf den Dharma einlassen. Dies geschieht als Ergebnis unserer positiven Kraft (Ansammlung von Verdienst), die aus den verschiedenen positiven Handlungen, die wir ausführen, entsteht.

Aus diesem Grund sollen wir dem Buddha und den großen Bodhisattvas mit unserem praktischen Handeln folgen und uns mit den verschiedenen Schritten, angefangen von den Grundlagen über die verschiedenen Übungen auf den Stufen und Pfaden usw., wie sie in diesem kurzen Text kurz zusammengefasst sind, vertraut machen und sie entsprechend unseren Möglichkeiten immer wieder üben. Dies wird unser Glück und unsere Fähigkeiten für andere vermehren.

Die weiteren Verse umfassen Ratschläge, wie man negative Erfahrungen wie Verlust, Leid, Schande, Kritik, Undankbarkeit usw. als Pfad nutzen kann, sich in den Vollkommenheiten und anderen Handlungen übt und schließlich alles Positive dem Wohl aller Wesen widmet:

 

(37) Um die Leiden der zahllosen Wesen zu beseitigen,

ist es eine Übung der Bodhisattvas,

das Heilsame, das bewirkt wurde,

indem man sich in dieser Weise bemüht hat,

mit der Einsicht, die ohne die Vorstellung von den drei Aspekten

eines Widmenden, eines Empfängers und einer Widmung ist,

dem (vollkommenen) Erwachen zu widmen.

Erklärungen zu den 37 Bodhisattva-Übungen siehe unter Veranstaltungen:

‚Die 37 Bodhisattva-Übungen’, Wochenendseminar mit Khenpo Chökyab, Fr. 24.01.-So. 26.01.2014 (Seminare), beginnend mit einem Vortrag ‚Zum Wohle der Wesen’, Fr. 24.01.2014 (einmalige Veranstaltungen)

In unserem Mandala Dharma-Shop gibt es aus dem Drikung Kagyü Verlag Ausgaben der 37  Bodhisattva-Übungen. Diese gehören zu ergänzenden Texten, die zusätzlich zu anderen Übungen rezitiert werden können. Der Text kann im tibetischen oder im A5-Format in unserem Dharma-Shop erworben werden. Im tibetischen Format sind die Verse in tibetischer Schrift mit einer Lautschrift und der deutscher Übersetzung angeordnet. Im A5-Format kann man außerdem wählen, ob man den Text in der tibetischen Schrift mit einer deutschen Übersetzung oder in Lautschrift mit der deutschen Übersetzung verwenden möchte.
Außerdem ist es möglich, ihn als Broschüre oder auf Karton (zum Einheften in die Praxis-Ordner) zu erhalten. Die texte sind auch im Mandala Online-Shop erhältlich.
 

Auszüge aus Übersetzungen und Kommentaren,
Zusammengestellt von Tändsin T. Karuna, DSML 2013