Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens

Das Rad des Lebens (Skrt. Bhavachakra) ist eine Darstellung des Daseinskreislaufes (Samsara), aus dem man die Befreiung (Nirvana) sucht. Eine Abbildung des Lebensrades befindet sich häufig an den Außenwänden tibetischer Tempel, während auf einer anderen Wand der Weg zur Befreiung aufgezeigt wird. So soll man sich vergegenwärtigen, dass man sich zwischen diesen beiden Wegen ent­scheiden kann.

Im Zentrum befinden sich die drei Geistesgifte, umgeben von den sechs Bereichen des Daseinskreislaufes. Diese sind umfasst von dem Ring der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens (Skrt. Pratityasamutpada), die das Entstehen und die Ursachen des Leidens von Geburt, Alter, Krankheit und Tod in den Daseinsbereichen darstellen, die man als Samsara1 bezeichnet.

Neben der Darstellung der Entstehung des Leidens stellt der Buddha die zwölf Glieder auf dem Weg der Befreiung aus dem Daseinskreislauf dar. Diese Befreiung wird als Nirvana2 bezeichnet. Indem die Ursache beseitigt ist, wird das Resultat auch nicht auftreten. So finden Leid und Not in der Umwendung des Kreislaufes ihre völlige Auflösung.

Im Sutra vom Reiskeimling (Skrt. Salistambasutra; tib. sa lu’i ljang pa’i mdo) heißt es:

"Mönche, wer das abhängige Entstehen sieht, der sieht die Lehre.
Wer die Lehre sieht, der sieht Buddha.
Was aber wird ‚Abhängiges Entstehen‘ genannt?
Folgendes wird ‚Abhängiges Entstehen` genannt:
Weil es dieses gibt, entsteht jenes,
weil dieses entstanden ist, ist jenes entstanden. (…)"

Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens können in Ursachen und Wirkungen eingeteilt werden und das Nachdenken über die Erklärungen und Kommentare führt uns zu einem tieferen Verständnis über die Funktionsweise von Karma und den Daseinskreislauf. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten der Beseitigung der Ursachen der Wiedergeburt im Samsara aufgezeigt und wie man durch die Übungen auf dem buddhistischen Pfad diese Ursachen beseitigen und die Befreiung erlangen kann. So durchläuft man die zwölf Glieder in der umgekehrten Reihenfolge: man geht von den Wirkungen aus und fragt nach den Ursachen, bis man schließlich auf die eigentliche Ursache, die Unwissenheit, kommt.

Unwissenheit (Skrt. avidya, tib. ma rig pa) Blinde Frau:

Die Unwissenheit wird dargestellt durch eine blinde Greisin, die aus der Geborgenheit ihres Hauses dem Abgrund zutappt. Dies symbolisiert, dass durch die Unwissenheit die meisten Menschen dem Kreislauf der Wiedergeburt verhaftet bleiben.

Durch die Beendigung der Unwissenheit erreicht man schließlich die Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens. Wenn man weiß, wie die Erscheinungen in Abhängigkeit entstehen, wird sich die grundlegende Unkenntnis über sich selbst auflösen und der Zweifel über Karma, welches vergangene und zukünftige Leben bestimmt, wird beseitigt. Je mehr man dann daran geht, die Unwissenheit zu beseitigen, desto mehr wird man den eigentlichen Sinn der Lehre und die Leerheit verstehen.

Über die jeweiligen zwölf Glieder des Entstehens in Abhängigkeit sollten wir gut meditieren und sie sollten im eigenen Lebensstrom beobachtet werden, bis sie zur eigenen Erfahrung werden und somit verinnerlicht sind. Im Allgemeinen gibt es zwei Arten der Abfolge und zwei Wege, darüber zu meditieren:

  1. Das Entstehen des Relativen oder Weltlichen in Abhängigkeit: wie der Kreislauf unkontrollierter Wiedergeburten in einer fortlaufenden Reihenfolge entspringt (Samsara).

  2. Das Entstehen der Transzendenz in Abhängigkeit: wie Leid und Not des bedingten Daseins in der Umwendung des Kreislaufes ihre völlige Auflösung finden (Nirvana).

Das Verständnis des abhängigen Entstehens gehört zu den tiefgründigsten und bedeutendsten Lehren des Buddhismus. Da es nicht einfach ist, diese Zusammenhänge zu erkennen und wirklich zu verstehen, ist es wichtig, immer wieder Erklärungen aus verschiedenen Kommentaren zu hören, darüber nachzudenken und das Verstandene durch die Meditation zu festigen. Es gibt zahlreiche Kommentare der früheren großen Meister, die auch heute noch von den tibetischen Lehrern studiert werden und die sie uns entsprechend erklären können.

Wir freuen uns sehr, dass uns Khenpo Tashi Nyima Unterweisungen zu diesem wichtigen Thema geben wird und für Fragen zur Verfügung steht. (siehe: Seminare)

1 Samsara (Skrt., Tib. `gro ba rigs drug), „Wanderung“: der Kreislauf (des Leidens, der Existenzen); der Daseinskreislauf mit den sechs Bereichen; der anfangs- und endlose Kreislauf von Wiedergeburten in den sechs Bereichen; der verwirrte Zu­stand des Leidens, aus dem die Buddhisten sich zu befreien versu­chen, um Nirvana oder die vollkommene Buddhaschaft zu erlangen. Samsara bezeichnet eine Folge von Wiedergeburten, die ein Wesen immer wieder erlebt, solange es nicht die Befreiung erlangt hat. Das Ge­fangensein im Samsara wird durch die drei Gifte (Begierde, Hass, Unwissenheit) bedingt. Die Art der Wiedergeburt in einem der sechs Bereiche hängt mit dem Karma der Wesen zusammen.

Es gibt drei Bereiche im Daseinskreislauf: (1) den Bereich der Begierde (Skrt. Kamadhatu), (2) den Bereich der Form (Skrt. Rupadhatu) und (3) den formlosen Bereich (Skrt. Arupyadhatu). Im Bereich der Begierde gibt es sechs Kategorien von Wesen: (1) Götter, (2) Halbgötter, (3) Menschen, (4) Tiere, (5) hungrige Geister und (6) Höllenwesen.

Die sechs Bereiche sind:

drei höhere Bereiche (tib. bde `gro, glückliche Wanderung): (1) Bereich des Genusses, Götter (pali: Deva); (2) Bereich des Kampfes, Halbgötter, Titanen (pali: Asura); (3) Bereich der Taten, Menschen (pali: Manussa).

drei niedere Bereiche (tib. ngom gro, unglückliche Wanderung): (4) Bereich der Furcht, Tiere (pali: tiracchanayoni); (5) Bereich der Begierde, hungrige Geister (pali: Preta); (6) Bereich der Qual, Höllenwesen (pali: Niraya).

2 Nirvana (Skrt.) „Verlöschen, Beenden“; (Tib. mya ngan las ’das pa) „über das Leiden hinaus gegangen“; Zustand der Befreiung aus Samsara, Stufe des Aufhörens des Leidens. Im frühen Budd­hismus wird es als das Ausscheiden aus dem Kreislauf der Wie­dergeburten und Eingehen in eine andere Existenzweise ver­standen. Im Mahayana wird Nirvana als die Erfahrung des Eins­seins mit dem Absoluten aufgefasst. Diese Erfahrung wird als grenzenlose Einheit mit allen Erscheinungen erlebt.