Prajnaparamita – Perfekte, transzendente Weisheit

Wie alle Prajnaparamita-Sutren gehört auch das Herz-Sutra zum zweiten Zyklus der Lehren des Buddha, den Lehren über die Leerheit (Prajnaparamita). Prajnaparamita ist die „Vollendung der Weisheit“ oder „Vollendung der Einsicht“. Die Sutren sprechen niemals von „Vollendung der Leerheit“ oder „Vollendung der Natur der Phänomene“. Im Zusammenhang mit Subjekt und Objekt liegt die Leerheit oder die Natur der Phänomene als das, was es zu erkennen gilt, mehr auf der Objekt-Seite. Natürlich gibt es in der Leerheit oder in der Natur der Phänomene sowieso nichts zu vervollkommnen; sie ist natürlicherweise in sich vollkommen.

Es gibt jedoch Einiges in unserem Verständnis und unserer Erkenntnis der Leerheit oder was die Natur der Phänomene betrifft zu vervollkommnen, also in unserer Einsicht in Bezug darauf, wie die Dinge wirklich sind. Diese Einsicht wird prajna genannt; es bedeutet zu sehen, wie die Dinge tatsächlich sind, indem man sie genau und gründlich unterscheidet. Wenn diese Einsicht ihren höchsten Punkt erreicht hat, wird sie Prajnaparamita – die „Vollendung von Prajna“ – genannt. Somit bezieht sich Prajnaparamita sowohl auf das Resultat oder Ergebnis – die komplette Vollendung dieser Einsicht – als auch auf den Prozess, durch den wir zu einer solchen Vorstellung gelangen.

Wenn wir über Prajnaparamita sprechen, sprechen wir über unseren Geist und dessen grundlegende Fähigkeit zu erkennen, wie die Dinge tatsächlich jenseits oberflächlicher Erscheinungen sind. Zu dieser Erkenntnis gelangen wir, indem wir dieses Prajna, das nicht etwas ist, was wir neu erfinden oder uns von irgendwoher besorgen müssen, trainieren. Es ist im Geist aller Wesen gegenwärtig und muss bloß zu seiner vollsten Blüte entwickelt werden. Buddhaschaft bedeutet, das grundlegende Potenzial eines jeden Lebewesens zu seiner vollständigen Reife zu entwickeln. Prajna bezieht sich nicht auf angesammeltes, passives Wissen, wie etwa Fakten aus dem Guiness Buch der Rekorde im Kopf zu behalten oder zu wissen, wie man von Seattle nach New York kommt. Prajna ist vielmehr die aktive Wissbegierde unseres Geistes, seine grundlegende Neugierde, wissen zu wollen und herausfinden zu wollen, wie die Dinge wirklich sind. Das ist das Wesen von Prajna. […]

ManjushriPrajna, die grundlegende Wissbegierde und Neugierde unseres Geistes, ist zugleich präzise und spielerisch. Ikonographisch wird Prajna oft als ein doppelschneidiges, flammendes Schwert, das äußerst scharf ist, abgebildet. Ein solches Schwert muss natürlich mit großer Vorsicht gehandhabt werden und mag sogar etwas bedrohlich erscheinen. Prajna ist in der Tat bedrohlich für unser Ego und unsere wohlgehegten Glaubenssysteme, da es unseren Realitätsbegriff und die Bezugspunkte, auf die wir unsere Welt aufbauen, unterminiert. Prajna hinterfragt, wer wir sind und was wir wahrnehmen.

Da dieses Schwert in beide Richtungen schneidet, dient es nicht nur dazu, unsere sehr gefestigt wirkende objektive Wirklichkeit in Scheiben zu schneiden, sondern es durchschneidet auch den subjektiv Erfahrenden einer solchen Wirklichkeit. Daher bringt es uns auch dazu, unsere Ego-Trips und unsere Aufgeblasenheit zu durchschauen. Es braucht ein gewisses Maß an Anstrengung, um uns ständig etwas über uns selbst vorzumachen. Prajna bedeutet, uns selbst zu entlarven, und das erfordert vor allem, dass wir einen ehrlichen Blick auf die Spiele werfen, die wir spielen. Daher wird Prajna immer wichtiger, während wir auf dem Pfad fortschreiten, denn unsere Ego-Trips werden nur noch ausgeklügelter. […]

Da Prajnaparamita dafür steht, der letztendlichen Wirklichkeit direkt zu begegnen, ist es der zentrale Weg, der zur Befreiung und Allwissenheit führt. Daher heißt es, dass die Versenkung in Prajna die hervorragendste aller Praktiken und Erkenntnisse ist. Das ist der Grund, warum seine Qualitäten und seine tiefgehende und weitreichende Auswirkung auf unseren Geist nicht überschätzt werden können und dies in den Schriften auch immer gepriesen wird. Auch nur einen kurzen Moment in Prajnaparamita zu ruhen, heißt es dort, ist von weit größerem Verdienst als alle anderen paramitas, wie etwa Freigebigkeit, die es natürlich zugleich mit einschließt.

Das Brahmavisesacintipariprcchasutra sagt:

Nicht nachzudenken ist Freigebigkeit.
Nicht in irgendwelchen Unterschieden zu verharren ist Ethik.
Keinerlei Unterschiede zu machen ist Geduld.
Nichts anzunehmen oder zurückzuweisen ist Elan.
Nicht verhaftet zu sein ist Samadhi.
Nicht begrifflich zu denken ist Prajna.

Hier werden sie (die sechs Paramitas) aus ihrer Verbindung zu Prajnaparamita beschrieben oder wie sie sich als Prajnaparamita manifestieren. […]

Die Lehren über die Leerheit versuchen, uns dazu zu bringen, zum natürlichen Zustand unseres Geistes jenseits aller künstlichen Konstrukte zurückzukehren. Wir brauchen uns die Natur des Geistes nicht auszudenken oder sie in irgendeiner Weise zu verändern. Das Einzige, was es zu tun gibt, ist unsere Konstrukte auseinander zu nehmen oder sie loszulassen, das heißt, unsere geistigen Luftschlösser einzureißen und nicht an ihnen zu hängen. […]

Der Buddha führte die Leerheit nicht als eine Art schlauer Theorie, Sprachspiel, ausgeklügelter philosophischer oder metaphysischer Verstellung oder als eine Meta-Sprache ein. Es war sein einziges Anliegen, sie als etwas zu lehren, das den Wesen hilft, frei zu werden und dauerhaftes Glück zu erfahren. Daher ist Leerheit ein pädagogisches Werkzeug, abgesehen davon hat sie keinen ihr innewohnenden Wert oder ihr innewohnende Existenz. Sie ist ein Mittel, um Menschen aufzuzeigen, wie die Dinge wirklich sind, weil sie aufgrund ihrer Verwirrung nicht erkennen, wie die Dinge sind und deshalb leiden. Wenn Leerheit richtig verstanden wird, so wie sei vom Buddha gelehrt wurde, dient sie als die einzige geeignete Grundlage des Pfades zur Befreiung und Allwissenheit; sie ist das Gegenmittel gegen alle Verschleierungen der Geistesplagen und der Erkenntnis, während die obigen Arten falscher Leerheit nicht diese befeienden Funktionen erfüllen. Das ist der Grund, warum es sehr wichtig ist, genau zu verstehen, was der Buddha mit Leerheit meinte, und nicht bloß eine weitere Theorie oder schlaue Idee anzunehmen, die wir unserer bereits überquellenden Tonne geistigen Mülls hinzufügen können.

Auszug aus „Das HerzInfarktSutra“

 

Weitere Erklärungen zum Herz-Sutra und zu Prajnaparamita können wir während des Wochenendseminars mit Karl Brunnhölzl vom 5.-7. Juni 2015 kennenlernen und erforschen und auch in seinem Kommentar „Das HerzInfarktSutra“ nachlesen. Ein tieferes Verständnis der buddhistischen Lehren trägt dazu bei, wichtige Grundlagen von Meditationsübungen, die auf diesen Aussagen beruhen, zu entwickeln und dadurch die Übungen in der richtigen Art und Weise anzuwenden, so dass sie ihren Zweck erfüllen und nicht zu weiteren Verwirrungen führen. Insbesondere beim Verständnis der Leerheit geht es darum, extreme Sichtweise zu vermeiden und die Dinge so zu erkennen, wie sie sind.

Um die Aussagen über die Leerheit zu verstehen, gibt es zahlreiche Kommentare. So hatten wir in 2014 die Möglichkeit, Erklärungen von dem tibetischen Lehrer Khenpo Nyima Gyaltsen zu hören. In diesem Jahr hat Karl Brunhölzl unsere Einladung angenommen hat, das Herz-Sutra ebenfalls zu erklären. Schon der gewagte Titel seines Buches lässt auf ein spannendes und interessantes Seminar zu diesem tiefgründigen Thema hoffen.

Gegangen – Gegangen – Wirklich gegangen –
Darüber hinaus gegangen – So ist es!

Zusammenstellung: Tändsin T. Karuna 2015