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Die Großen Kagyü-Meister

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Die Schatzkammer der goldenen Übertragungslinie

  • Drikung Kagyü Verlag (DKV)
  • 1. Auflage 2004
  • 304 Seiten, 14 x 21 cm
  • Softcover, Klebebindung
  • ISBN: 3-933529-11-5 / 978-3-933529-11-4

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Artikelnummer: 500-003 Kategorien: , Schlüsselworte: ,

Beschreibung

Über das Buch

Der vorliegende Text wurde von Dorje Dze Öd zusammengestellt, der ein Nachfolger von Kyobpa Jigten Sumgön, dem Gründer der Drikung Kagyü Übertragungslinie des tibetischen Buddhismus, war. Es wird das Leben der großartigen Menschen nacherzählt, die die Kagyü-Linie bilden, die auch als ‚Linie der mündlichen Übertragung’ bekannt ist. Die großen Meister der Kagyü-Linie wie Tilopa, Naropa, Marpa, Milarepa, Atisha, Gampopa u.a. lebten vor ca. tausend Jahren in Indien und Tibet. Der Text besteht zum einen aus den Beschreibungen ihres Lebens als auch aus ihren Unterweisungen der erleuchteten Sicht. Deshalb ist er auch für moderne Praktizierende des Buddhismus von großem Nutzen.
„Die edle Übertragungslinie wurde mit einer goldenen Mala verglichen, da jedes einzelne Individuum dieser Reihe so kostbar und vollendet ist wie feinstes Gold. Jeder war eine Quelle von außergewöhnlicher Erkenntnis, Gelehrsamkeit und Verwirklichung und jeder hinterließ uns weitere tiefgründige Unterweisungen, welche die direkte Wahrnehmung der Natur des Geistes (Mahamudra) betreffen. Diesen spirituellen Meistern zu begegnen, wenn auch nur durch das geschriebene Wort, ist ein Ereignis von solcher Kraft, dass jede Person, die diese Begegnung macht, für viele Leben nicht in den niederen Daseinsbereichen wiedergeboren wird. Diese Lebensgeschichten sind dementsprechend mehr als nur Geschichte. Sie sind ein Beispiel, das inspiriert, diesem Weg zu folgen.“ Khenchen Könchog Gyaltsen Rinpoche

Leseprobe

Gampopa
(1079 – 1153)

[…] Mit fünfundzwanzig ging Gampopa nach Dakpo Ronkar, wo er die vollständige Mönchsordination von Khenpo Lodan Sherab aus Maryul erhielt. Meister Sherab Nyingpo von Shangshung und Jangchub Sempa von Mite gaben ihm den Namen Matikirti (tib. Sönam Rinchen). Bei Geshe Lodan Sherab studierte er die Chakrasamvara-Lehren der Sagkar-Tradition. Er studierte auch das Vinaya und andere Lehren bei Cha Druwa Zinpa und erhielt viele mündliche Anweisungen aus der ‚Linie der tiefgründigen Meditation‘. In allen Lehren erkannte er die Wichtigkeit der Meditationspraxis.

Gampopa ging nach Zentraltibet, wo er bei Geshe Nyukrumpa, Gya Chakri Gangkawa, Geshe Chya-yulwa und anderen die gesammelten Lehren von Atisha studierte. Er wurde ein bekannter Meister und Gelehrter. In dieser Zeit spürte er das Bedürfnis, in eine Meditationsklausur zu gehen und so baute er für sich ein kleines Haus in der Nähe des Klosters, das unter dem Namen Sarka bekannt war und von seinen Eltern gebaut worden war. Er besaß Land, das ihn mit dem Notwendigen versorgte. Weil Gampopa fleißig Meditation praktizierte, konnte er dreizehn Tage an einem Stück in Samadhi verweilen und während des Schlafs die Samen von Begierde und Hass und alle groben und subtilen negativen Emotionen in sich beilegen. Er brauchte nur wenig Schlaf, aber wenn er träumte, empfing er das Zeichen der zehn Bodhisattva-Stufen (Bhumis), die in dem ‚Sutra des Goldenen Lichtes‘ beschrieben werden. Nicht nur Läuse und andere Insekten hielten sich von ihm fern, sondern auch Keime und Erreger. Er konnte fünf Tage ununterbrochen gehen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Durch die Meditation erfuhr Gampopa die große Glückseligkeit.

Einmal im Frühling kam Gampopa aus der Klausur und machte einen Spaziergang um das Kloster. Während er sich im Zustand der Meditation befand, traf er auf drei Bettler, die sich unterhielten. Als er die Mudra des Wasseropfers an die hungrigen Geister machte, sagte einer der Bettler: „Wir sind weit und breit die ärmsten Menschen. Ich wünschte, wir könnten Essen und Trinken bekommen, ohne zu arbeiten. Wie herrlich wäre das!“ Der zweite Bettler sagte: „Wenn du schon etwas wünschst, dann belass es nicht nur beim Essen. Wünsche dir, ein König zu werden wie Tsede in Tibet.“ Der dritte Bettler sagte: „Auch Tsede wird eines Tages sterben, also ist sein Glück nicht von Dauer. Wenn du dir also etwas wünschst, wünsche dir, ein großer Yogi wie Milarepa zu werden, der weder Kleider noch menschliche Nahrung braucht. Er wird von den Dakinis mit Nektar ernährt, reitet auf einem weißen Schneelöwen und fliegt durch die Luft. Also das wäre wirklich wunderbar.“

Als er nur den Namen von Milarepa hörte, standen Gampopa die Haare am ganzen Körper zu Berge, Tränen traten in seine Augen und außergewöhnliche Hingabe, die er nie zuvor empfunden hatte, entstand in seinem Geist. Für einen Augenblick konnte er sich nicht einmal bewegen. Er kehrte rechtzeitig in seine Klausurhütte zurück und entschloss sich, das Sieben-Zweige-Gebet zu seiner Hauptpraxis zu machen. Als er jedoch versuchte, das Gebet auszuführen, war sein Geist so verwirrt, dass er anfing, sich selbst zu fragen: „Was geschieht mit mir?“ Er saß lange Zeit auf seinem Meditationskissen, bis alle äußeren Phänomene sich in Leerheit auflösten. Das ganze Universum wurde nur als ein Aspekt des Geistes erfahren. Dann entstand der Gedanke: „Vielleicht kann ich jetzt den Geist aller fühlenden Wesen erkennen?“

Nach seiner abendlichen Sitzung der Meditation kehrte er an den Platz zurück, wo er den drei Bettlern begegnet war und fragte sie: „Wo befindet sich dieser große Yogi, von dem ihr gesprochen habt?“ „Er ist in Mang-yul Gungthang,“ sagten sie, „und er heißt Milarepa. Sein Lehrer war Marpa Lotsawa, dessen Lehrer der glorreiche Naropa war.“ „Was für eine Lehre lehrt er?“ fragte Gampopa. Sie antworteten: „Er lehrt die sechs Yogas von Naropa und viele Menschen gehen zu ihm, um Belehrungen zu erhalten. Wir haben ihn aber nicht gesehen.“ Gampopa sagte: „Welche Qualitäten besitzt er?“ und sie antworteten: „Obwohl viele Menschen zu ihm gehen, um ihn zu sehen, können sie ihn manchmal nicht finden. Einige nehmen ihn als weißen Chörten wahr und einige als Buddha Shakyamuni. So klar kann er sich in verschiedenen Formen offenbaren.“ „Und wo wohnt er?“ fragte Gampopa. Sie antworteten: „Er hält sich in den Bergen von Nyanam und Drin auf.“ Gampopa fragte: „Könntet ihr mich führen, wenn ich dorthin gehen möchte?“ Sie sagten: „Du siehst jung aus. Wir können nicht mit dir Schritt halten. Geh also in diese Richtung und wenn du in Lato ankommst, wirst du ihn schon finden, denn er ist dort sehr bekannt.“ Da gab Gampopa ihnen einen großen Vorrat an Gemüse und andere Lebensmittel. In dieser Nacht betete er vor dem Schlafen zu den Drei Juwelen und in seinen Träumen sah er sich selbst, wie er eine große Trompete blies, deren Klang die ganze Welt durchdrang. Die Menschen sagten, dass es keine größere Trompete in Zentraltibet gäbe. Dann erschien eine riesige Trommel am Himmel und als er auf sie schlug, gab sie einen vollendeten Ton. Viele wilde Tiere hörten diesen Klang und ringsherum versammelten sich viele Menschen. Eine Frau, die nach der Mode der Tibeter aus dem Süden gekleidet war, erschien und sagte: „Schlage die Trommel, so dass alle sie hören können.“ Sie reichte ihm eine Schädelschale, die mit Milch gefüllt war und sagte: „Gib dies den Tieren.“ Gampopa bemerkte: „Diese Milch ist sicher nicht genug für so viele Tiere.“ Sie antwortete: „Trinke dies und es wird nicht nur zum Wohle der Tiere, sondern zum Wohle aller fühlenden Wesen der sechs Bereiche sein. Ich gehe in westliche Richtung.“

Als er diesen Traum später erklärte, sagte Gampopa: „Jene, die keine geeigneten Gefäße sind, sollten sich auf den Stufen des Pfades üben. Die Menschen, die in meinem Traum erschienen, waren Symbole für solche Wesen, wohingegen die Tiere Symbole für die Praktizierenden in Klausur waren. Sie werden durch die Mahamudra-Lehren und die Methoden von Milarepa unterstützt.“ Tatsächlich ereignete es sich genauso wie Gampopa es in seinem Traum vorhergesehen hatte.

Gampopa verkaufte dann seinen Hof für vier Unzen Gold und brach nach Westtibet auf, um Milarepa zu treffen. Bei Mila waren seine Begleiter Nyishang Repa, Loro Rechung, Gomthak Jodor, Seban Tonchung, Mekong und Konggur. Nyishang Repa sagte: „Milarepa wusste, dass du kommen würdest und er wird dich als Schüler annehmen. Warte hier nur ein paar Tage und werde nicht ungeduldig. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du ihn sehen,“ und er zeigte Gampopa eine Stelle unter einem Felsen, wo er sich niederlassen sollte. Später wurde Gampopa gerufen und fand Milarepa, auf einem Felsblock sitzend, umgeben von seinen Schülern. Gampopa machte viele Niederwerfungen und brachte Milarepa Gold und Tee dar. Milarepa sagte: „Dieses Gold und ich passen nicht zusammen. Verwende es für deinen eigenen Bedarf, wenn du in Klausur bist,“ und er gab es Gampopa zurück. Dann fragte er: „Wie ist dein Name?“ und Gampopa antwortete: „Mein Name ist Sönam Rinchen (‚Kostbares Verdienst‘).“ Milarepa wiederholte den Namen Sönam drei mal und sagte: „Das Verdienst kommt von großer Ansammlung und die Kostbarkeit bezieht sich auf deinen Wert für alle fühlenden Wesen.“ Dann sang er ein Lied und sagte: „Das ist meine Begrüßung für dich, Meister aus Zentraltibet.“

Gampopa sammelte Feuerholz und stapelte es in seiner Höhle, gab seinen Gönnern Könchog Bar und Barye eine Unze Gold und bat sie, ihn während seiner Klausur mit Lebensmitteln zu versorgen. Dann bat er Milarepa um Belehrungen. Dieser fragte ihn, ob er schon Belehrungen und Ermächtigungen erhalten hätte. Gampopa antwortete, dass er die vier Ermächtigungen von Guhyasamaja, Hevajra, den herrlichen Segen von Dagmema, die Lehren von Luipa, den herrlichen Segen der ‚Sechsfach Geschmückten Vajra Varahi‘ von Lama Lodrö aus Maryul und viele Ermächtigungen von anderen spirituellen Lehrern erhalten hatte. Als er von seinen dreizehn Tagen in Samadhi berichtete, lachte Milarepa darüber. „Ha,“ sagte er, „du wirst kein Öl erhalten, wenn du Sand auspresst, sondern nur wenn du Senfsamen nimmst. Praktiziere darum meine Tummo-Lehren und du wirst die wahre Natur des Geistes erkennen. Die Tibeter haben Atisha nicht erlaubt, die Tantras zu lehren.“ Gampopa sagte: „Es gibt viele tantrische Lehren bei den Kadampas,“ worauf Milarepa antwortete: „Ja, sie haben tantrische Lehren, aber keine Anweisungen zur Quintessenz. Es gibt eine vollständige Erzeugungs- und Vollendungsstufe in einer einzigen Meditationspraxis. Diese ist der Samadhi der Analyse. Das Meditieren über Selbst-Losigkeit auf den Stufen des Pfades hat einen relativen Wert. Praktiziere Meditation auf dem Pfad der Methode.“ Dann erhielt Gampopa die Tummo-Lehren, machte die Erfahrung der Hitze und empfing nach sieben Tagen die Vision der fünf Dhyani-Buddhas. Als er Milarepa davon berichtete, sagte dieser: „Das ist, als ob man zwei Monde sieht, wenn man auf die Augen drückt. Es entsteht durch die Kontrolle des Windelements. Es ist weder gut noch schlecht. Fahre in der Meditation fort.“ […]

Rezension

Das Konzept der „Überlieferungslinie“ spielt im tibetischen Buddhismus eine große Rolle. Die Autorität einer Schulrichtung und eines Lehrers legitimiert sich nämlich dadurch, dass sie Erben der Verwirklichungen sind, die frühere Meister erlangt haben. Der Weg zur Erleuchtung ist nur dadurch möglich, dass man sich einer solchen „Segenslinie“ gläubig anschließt und den Lehrer als Buddha verehrt, wobei man seine kleinen menschlichen Schwächen als pädagogisches Mittel oder bloße Illusion ansieht. Als Bestätigung der Gültigkeit der Überlieferungslinie werden, einer indischen Tradition folgend, Biographien (rnam thar) der Linienhalter zusammengestellt, die den Glauben an die Vollkommenheit der Linie bestärken sollen. Eine Biographie im modernen Sinne darf man dabei nicht erwarten, vielmehr soll die Lebensbeschreibung des Heiligen als Muster dienen, an dem man sich bei der eigenen Praxis ausrichtet. Der Stil ist daher meist legendenhaft, moralisierend und belehrend. Das vorliegende Buch enthält eine hochinteressante Sammlung von Biographien, die sozusagen den „Stammbaum“ von Jigten Sumgön (Kyopa Jigten Gönpo, 1143-1217) enthält. Er ist der Begründer der heute noch bestehenden Drikung-Kagyü-Tradition, die eine Unterlinie der ursprünglich acht Phagmo-Drupa-Schulen darstellt. Der Text wurde im 13. Jahrhundert von seinem Schüler Dorje Dze Öd verfasst; der englische Text wurde von Heinz-Werner Goertz hier sorgfältig ins Deutsche übersetzt. Die 14 Biographien sind überwiegend „geheime Biographien“ (gsang-ba’i rnam-thar), d. h. Darstellungen der tantrischen Verwirklichungen, welche die Meister durch die Praxis des Maha-Anuttarayoga-Tantra erreicht haben. Ohne genauere Kenntnis der tantrischen Terminologie sind viele Passagen völlig unverständlich, da gewisse tantrische Praktiken nur symbolisch ausgedrückt werden können. So entsteht eine einmalige Mischung aus Magie und Mystik, die gleichermaßen verzaubern wie befremden kann. Der überaus blumige Stil orientiert sich an der Ästhetik der klassischen indischen Sanskrit-Dichtung. Neben Buddha Shakyamuni, Tilopa und Naropa stehen die frühen tibetischen Könige, Marpa, Milarepa, Atisha, Gampopa, Phagmodrupa und Jigten Sumgön. Die Biographien von Tilopa, Naropa und Marpa sind sehr stark mystisch gefärbt. Die Biographie von Atisha weicht in einigen Punkten von der Fassung ab, die im Gelugpa-Lamrim überliefert wird, was interessante Vergleiche mit Tsongkhapa und Phabongkha ermöglicht.

Thomas Lautwein