Abschlussarbeiten am neuen Standort der Zentrumsbibliothek
Die Bibliothek unseres Zentrums ist vor einigen Monaten aus den Wandschränken im Yogaraum, wo sie viele Jahre lang ein verstecktes Dasein fristete, in den vorderen Teil des Meditationsraums umgezogen. Im Rundbrief 3/2025 haben wir ausführlich berichtet.
Nun sind wir dabei, die Bücher nach Sachgruppen und Autoren neu zu sortieren und aufzustellen, was leichter scheint, als es ist. An ihrem alten Platz hatten die Bücher ihre Ordnung. Man konnte alles finden. Aber es war doch eher eine über die Jahre gewachsene Gliederung als eine klare Systematik.
Wir haben daher den Umzug auch als Anlass genommen, die alte Sortierung zwar nicht komplett umzuwerfen, aber doch noch einmal gründlich zu überarbeiten. Herausgekommen ist eine Systematik, die sich in ihrem groben Rahmen an einer Einteilung in Frühen Buddhismus/Theravada, in Mahayana (ohne tibetischen Buddhismus) und in Tibetischen Buddhismus, der ja auch zum Mahayana gehört, orientiert. Einige weitere Themengruppen, die für den heutigen Buddhismus, für sein Verständnis und seine Praxis in der modernen Zeit wichtig sind, ergänzen diese Einteilung.
Dabei haben wir nicht versucht, eine Bibliotheksklassifikation nachzuahmen, wie sie etwa eine Unibibliothek für den ‚Sachbereich Buddhismus‘ verwenden würde. Es war allerdings spannend, sich solche wissenschaftlichen Systematiken vorher einmal anzuschauen.
Die erste Abteilung umfasst Bücher zum frühen Buddhismus. Am Anfang stehen Bücher über das Leben des Buddha, der Quelle des Ganzen. Hier finden sich Biographien und Legendensammlungen zum Leben des ‚historischen Buddha‘. Die drei Körbe der Lehre (Vinaya-Pitaka, Sutta-Pitaka und Abhidhamma-Pitaka) sind mit einer umfangreichen Auswahl an Titeln vertreten.
Eine weitere Abteilung ist dem Mahayana-Buddhismus (ohne tibetischen Buddhismus, der eine eigene Abteilung bekommen hat) gewidmet. Hier finden sich neben allgemeinen Werken zur Einführung die bekannten Mahayana-Sutras wie das Lotos-Sutra oder das Herz-Sutra, aber auch wichtige Sutras, deren Namen nicht so vertraut sind, die aber auch eine große Bedeutung in der Geschichte des Buddhismus besitzen, wie etwa das Lankavatara-Sutra oder das Vimalakirti-Sutra. Auch einige repräsentative Bücher zum Zen, seiner Lehre und Praxis, bietet diese Abteilung.
Die größte Abteilung nimmt, wie es sich fast von selbst versteht, der tibetische Buddhismus ein. In den letzten Jahrzehnten sind zwar viele Übersetzungen wichtiger Schriften herausgekommen, aber immer noch ist nur ein Bruchteil der Originalwerke auf Deutsch verfügbar. Doch verglichen mit dem wenigen, was vor einigen Jahrzehnten auf Deutsch greifbar war, sind wir heute doch wesentlich besser mit Schriften des tibetischen Buddhismus ausgestattet. Neben wichtigen Überblickswerken findet sich hier eine umfangreiche Auswahl an Titeln zu den philosophischen Grundlagen und zur Praxis im tibetischen Buddhismus, besonders zu den Stufenwegen (Lamrim; Ngöndro) sowie zu Themen der Geistesschulung. Ebenso bietet die Bibliothek eine solide Auswahl an Büchern zu allgemeinen und speziellen Aspekten des Vajrayana und Tantra.
Wie wir bei der Durchsicht gemerkt haben, darf man sich keineswegs immer am Titel orientieren, wenn man die Bücher in die richtige Schublade einsortieren will. ‚Nicht überall, wo Buddhismus draufsteht, ist auch Buddhismus drin.‘ Die gerade in den letzten Jahrzehnten vermehrt auf den Markt gekommenen Bücher über Achtsamkeit bilden eine weitere große Gruppe. Es gibt sie in allen Schattierungen und Variationen, von frühbuddhistisch-traditionell bis hin zum psychologischen Alltagsratgeber für alle Lebenslagen. Diese führen zwar manchmal Buddhismus im Titel, aber innen drin findet sich insgesamt doch mehr moderne Psychologie als Buddhismus. Die Verbindung von Buddhismus mit Achtsamkeitstraining und mit psychotherapeutischen Verfahren und Zielen bildet so eine eigene Literaturgattung, durch die der Buddhismus – oder besser gesagt: etwas vom Buddhismus – in unserer modernen Zeit ankommt.
Die Sammlung, die die Zentrumsleiterin Tändsin T. Karuna (Elke Tobias) in vielen Jahren aufgebaut hat, umfasst eine solide Auswahl an klassischen Werken und Kommentaren. Hinzu kommen noch zahlreiche Werke, die einen Bezug zur buddhistischen Praxis haben, sei es traditionell oder mit moderner und häufig mehr psychologischer Ausrichtung. Allgemeine Werke zur tibetischen Kultur sowie schön ausgestattete großformatige Bildbände zu Tibet und zur Himalayaregion, eine ganze Reihe Nachschlagewerke, Lexika und allgemeine Einführungen usw. runden die Sache ab. Die Bibliothek soll also vor allen eine Gebrauchsbibliothek sein, die sich an den Aktivitäten und Bedürfnissen eines tibetisch-buddhistischen Zentrums orientiert und keine rein wissenschaftliche Bibliothek.
Aber zurück in die Gegenwart. Noch ist es nicht so weit, dass die Bücher an ihrem Platz sind. Wir mussten fast jedes Buch einzeln in die Hand nehmen. In welche Kategorie gehört es? Bei Buddhas Lehrreden ist es meistens klar. Aber bei vielen Büchern ist die Sache keineswegs so einfach. Wenn der Dalai Lama beispielsweise eine Darlegung über Bodhicitta schreibt, wohin mit einem solchen Titel? Da bieten sich mehrere Kategorien an und man muss entscheiden, wohin das Buch am besten passt: unter „Geistesschulung (Lojong)“ oder unter „Meister“ zu anderen Werken des Dalai Lama … oder … ?
Die Aufzählung solcher ‚Zweifelsfälle‘ ließe sich fortsetzen. Wie bei den Grenzgängern zwischen Buddhismus und Psychologie wird die Entscheidung manchmal zur reinen Ermessensfrage. Geht es noch um Achtsamkeit in einem buddhistischen Sinne, um psychologische Anwendungen oder mehr um eine achtsame Lebenskunst mit ein paar Weisheiten aus dem Buddhismus? Es ist jedenfalls erstaunlich, die Vielfalt und Bandbreite der Themen und Inhalte zu sehen und wie unterschiedlich die Lehren des Buddha dargestellt und angewendet werden können.
Wie die Fotos oben zeigen, versinken wir im Augenblick (Juli) noch ganz zwischen den Bücherstapeln. … 1500 Bücher – sind das viele? – Wenn man die Zahl so liest, sind es nicht so viele. Aber wenn man sie sortieren will …😉
Immerhin haben wir die Sortierung fast abgeschlossen. Jetzt müssen die Bücher ‚nur noch‘ an ihren richtigen Platz, an dem man sie auch leicht wiederfindet.
Wir hoffen, bis Herbst das Projekt zu einem guten Abschluss gebracht zu haben. Dann lädt die neue Zentrumsbibliothek zum Schauen und Schmökern, zum Ausleihen und Lesen ein!
Rolf Blume