Achtsamkeit – Buddhas Geschenk an die Welt
Eine Reise zu den Mahayana-Quellen in Indien und Tibet
edition steinrich, Berlin 2025
400 Seiten, Hardcover
12 x 19 cm
Preis: 34 €
Achtsamkeit ist in unserer heutigen Zeit eine Modeerscheinung und doch nicht nur eine Modeerscheinung. Das ist kein Wunder. An der Bushaltestelle, im Restaurant, ja oft sogar im Auto oder auf dem E-Scooter – viele Menschen haben ständig ihr Smartphone in der Hand.
Und wie viele wechselnde Information fließen in wenigen Minuten durch den Geist, lenken ihn mal in diese, mal in jene Richtung. Wir merken es kaum. Danach gefragt, auf welcher Website man vor einer Stunde war … Wissen wir es noch?
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist kollektiv geworden. Dass wir bei einem solchen Ausmaß an Zerstreuung nach einem Gegengewicht suchen, ist nur natürlich. Welcher Überlastete strebt nicht nach Entlastung. Von höheren Zielen, von Befreiung oder Erleuchtung, ist gar nicht die Rede. Ein kleiner Schritt heraus aus der Unruhezone ist schon befreiend und erlösend.
Als der buddhistische Pfad im alten Indien seinen – ‚irdischen‘ – Anfang genommen hat, sah das Leben der Menschen anders aus. Seit mehr als 2000 Jahren ist die Lehre Buddhas ihren Weg durch die Geschichte gegangen und hat sich auf diesem Weg gewandelt. Aber sie hat sich nicht nur gewandelt, sie hat auch gewandelt – heute würde man eher sagen: transformiert – einzelne Menschen, Institutionen und ganze Kulturen. Inzwischen ist der Dharma im Zeitalter der Smartphones angekommen.
Welche Aspekte der Lehre und der Praxis haben sich auf diesem langen Weg geändert, welche sind gleichgeblieben und welche Faktoren prägten die Vermittlung in andere Kulturen. Der Buddha selber hat nichts Schriftliches hinterlassen.
„Alle buddhistischen Anleitungen, die bis heute übermittelt werden, einschließlich jener, die als die Worte des Buddha verehrt werden, sind daher das Resultat einer umfassenden und intensiven Übersetzungsarbeit. Dieser Prozess spiegelt genau eine der Kernlehren des Buddha wider: unentwegte Veränderung. Weder der Buddha selbst noch seine unmittelbaren Schüler und Schülerinnen haben also irgendetwas Schriftliches hinterlassen. Die Phase der Verschriftlichung begann erst Jahrhunderte nach dem Tod des Buddha. All dies bedeutet, dass die heute zugänglichen „Worte des Buddha“ nicht wortwörtlich von ihm stammen. Aber – und das ist hier der wichtigste Punkt – ‚er inspirierte sie‘.“ (S.131)
In dieser kulturellen Übersetzungstätigkeit stehen wir auch heute. Wer Achtsamkeit praktiziert oder sich ‚nur‘ für sie interessiert – und sei es ganz ‚säkular‘ – ist mit hineingezogen: Wie übersetze ich Achtsamkeit in das heutige Leben? – Auf welche Weise? – Mit welchen weiterführenden Zielen? Oder vielleicht ohne solche?
Die buddhistische Achtsamkeitspraxis wird im Westen häufig stärker mit dem frühen Buddhismus, dem Theravada, in Verbindung gebracht als mit dem Mahayana. Die österreichische Tibetologin, Übersetzerin sowie Dharma- und Achtsamkeitslehrerin Martina Draszczyk erweitert mit ihrem Buch „Achtsamkeit – Buddhas Geschenk an die Welt – Eine praxisnahe Reise zu den Mahayana-Quellen in Indien und Tibet“ diese etwas einseitige Perspektive.
Die zentralen Lehrreden über die „Grundlagen der Achtsamkeit“ finden sich zwar im Pali-Kanon. Dennoch spielt die Achtsamkeit auch im Mahayana keineswegs eine untergeordnete Rolle. Martina Draszczyk hat die Mahayana-Quellen zur Achtsamkeitspraxis zusammengestellt und hilfreich kommentiert. „Auch innerhalb der verschiedenen Mahayana-Traditionen finden sich reiche und bislang weniger beachtete Quellen zur Achtsamkeitspraxis.“ (S.8)
So versteht Martina Draszczyk ihr Buch als einen Beitrag, unsere Achtsamkeit auf den größeren Zusammenhang zu lenken und ihn zu schätzen:
„Seit einiger Zeit erfreut sich buddhistisch-inspirierte Achtsamkeit auch in vielen nicht-buddhistischen Kontexten zunehmender Beliebtheit. Mit diesem wachsenden Interesse geht natürlich eine begrüßenswerte verstärkte Aufmerksamkeit auf dieses Thema einher. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein Trend zu einer eher oberflächlichen Verbreitung von Achtsamkeit als Methode zur Förderung von Entspannung und/oder Leistung. Auch deshalb kann es aus meiner Sicht hilfreich sein, einige der klassischen Quellen, auf denen die Achtsamkeitsanleitungen beruhen, wieder in den Vordergrund zu stellen. In diesem Sinn verstehe ich die hier unternommene Reise zu einigen ursprünglichen Quellen mit Schwerpunkt auf dem indischen und tibetischen Mahayana als Beitrag, damit Achtsamkeit, Buddhas Geschenk an die Welt, entsprechend wertgeschätzt werden kann.“ (S.9)
Martina Draszczyk bringt zahlreiche Originaltexte (in gut lesbarer Übersetzung) und erläuternde Kommentare. Bevor sie auf die Mahayana-Texte eingeht, umreißt sie das Thema in zwei einführenden Teilen: „1. Achtsamkeit: Eine Einführung“ und „2. Achtsamkeit: Verschiedene Perspektiven“.
Sie gliedert die Achtsamkeit in den „Kontext des Weges zum Erwachen“ ein und stellt in zwei Kapitel heraus: „Theravada und Mahayana – worin sie einander gleichen“ sowie „Mahayana-Quellen – was sie besonders betonen“.
Im ausführlichsten dritten Teil – „Sich von den Quellen inspirieren lassen“ – folgen auf „Ausschnitte aus den Lehrreden des Buddha“ Texte „Indisch-buddhistische[r] Meister zum Thema Achtsamkeit“ (Nagasena, Nagarjuna, Buddhaghosa, Vasubandhu, Asanga, Shantideva) Kapitel über „Das vierfache Anwenden von Achtsamkeit in den buddhistischen Tantras“ sowie „Achtsamkeit in der indisch-buddhistischen Siddha-Tradition“ (Dagpo- oder Kagyü-Mahamudra u.a.) und über „Kagyü-Meister zu Achtsamkeit im Allgemeinen“ (Milarepa, Gampopa, Karmapa Rangjung Dorje u.a.).
Unterweisungen von „Künzig Shamarpa zur Praxis des vierfachen Anwendens der Achtsamkeit“ sowie „Die Reise der Achtsamkeitspraxis aus Asien in den Westen“ bilden den Abschluss.
Kurzum, für alle an der Achtsamkeit Interessierten sehr empfehlenswert!
Rolf Blume
Das Buch ist im Mandala Dharma-Shop vor Ort sowie über den Online-Shop erhältlich.
