Buchtipp: Ein Leben, drei Welten –

Sabine Leuschner und Annette Knüsel

Ein Leben, drei Welten –  Dagyab Rinpoche aus Tibet

Verlag Herder, Freiburg i. B. 2025
Gebunden mit Schutzumschlag,
544 Seiten

ISBN: 978-3-451-03572-2

40 €

 

 

Nicht derselbe und nicht ein anderer

Prominente Persönlichkeiten des tibetischen Buddhismus feiern in diesem Jahr runde – und hohe – Geburtstage. Dieses Jahr wird der 80. Geburtstag von Seiner Heiligkeit Drikung Kyabgön Chetsang begangen. Der Dalai Lama wurde am 6. Juli 2025 neunzig. Und Dagyab Rinpoche, der Gründer des Tibethauses Deutschland feierte am 27. Juli seinen 85. Geburtstag.

Achtzig, fünfundachtzig und neunzig Jahre. Lange Leben, die auf einschneidende geschichtliche Umbrüche in West und Ost zurückblicken können und neue Begegnungen – fruchtbare ebenso wie konflikthafte – von Ost und West miterleben und ‚verarbeiten‘ mussten. Über den Dalai Lama haben die Medien im Juli ausführlich berichtet. Elmar Grubers Biographie von S.H. Drikung Kyabgön Chetsang „Aus dem Herzen Tibets“ haben wir im Rundbrief 3/2023 vorgestellt.

Pünktlich zu Dagyab Rinpoches 85. Geburtstag ist nun im Herder Verlag eine ausführliche Biographie erschienen. Welche Einblicke in sein Leben und seine Wege zwischen den drei Welten erhalten wir? Und welches sind die drei Welten?

Die Autorinnen Sabine Leuschner und Annette Knüsel sind langjährige Mitarbeiterinnen und Schülerinnen von Dagyab Rinpoche. Ihre Biographie haben sie im engen Austausch mit ihm verfasst.

„Zahlreiche Stunden, Tage und Wochen habe ich [, so sagt Dagyab Rinpoche im Vorwort,] mit Sabine Leuschner und Annette Knüsel verbracht, Gespräche geführt und versucht, meine Erinnerungen, wie weit sie auch zurücklagen, hervorzuholen – Erinnerungen an meine Kindheit in Klöstern von Tibet, an meine Jahre als junger Mensch und Flüchtling in Indien wie auch an meine Zeit als Einwanderer in Deutschland. Hunderte Stunden an Audioaufnahmen wurden verarbeitet und eine Unmenge an Fotomaterial gesichtet. […] Die vielen Gespräche, die ich in den vergangenen Jahren führte, gaben auch mir selbst die Gelegenheit, mein eigenes Leben und die historischen Ereignisse zu reflektieren. Es ist meine Hoffnung, dass die Öffentlichkeit mit meiner Geschichte einen Einblick in die Vergangenheit von Tibet erhält, die bislang wenig dokumentiert ist, Einblicke in ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten starke Wandlungen durchlebt hat.“ (S. 9)

Es ist ein buddhistischer Grundgedanke, dass die ‚Welten‘ in Abhängigkeit entstehen und dass das ‚Leben‘, das durch die Welten wandert, sich mit diesen wandelt. Wer von der einen in eine andere Welt geht, bleibt nicht derselbe. Und trotzdem ist er auch kein gänzliche anderer.

Ein Leben, Drei Welten: Tibet – 1940 bis 1959
Dagyab Rinpoche wurde 1940 als Tsering Wangden in Minyak, Osttibet geboren, also mehr als zehn Jahre vor dem Beginn der chinesischen Besetzung. Es war dies noch eine Welt ohne Elektrizität und schon aus diesem Grund fast unvorstellbar weit weg von unserer Gegenwart.

Die Mutter Sönam Lhamo hatte den Haushalt zu versorgen: „Waschen, kochen und das Vieh füttern, pflegen, melken, Käse machen, Butter stampfen …, es gab immer viel zu tun. Und sie packte es an. Viele ihrer Tätigkeiten übten einen großen Reiz auf ihn [den kleinen Tsering Wangden] aus. Neben der Haustür gab es die typische halboffene Wasserrinne. Darunter wusch die Mutter die Kleidung aller Familienmitglieder, und dabei wollte der Kleine gern helfen. Ein Erlebnis ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben: ‚Einmal hatte mein Vater sehr schöne neue Schuhe für mich genäht, und da ich auch so gerne waschen wollte, bin ich unter diese Röhre gegangen, wo noch das Wasser stand, und habe versucht, diese Schuhe zu waschen. Dafür wurde ich heftig ausgeschimpft. Das habe ich nicht vergessen.‘ “ (S.28)

Sabine Leuschners und Annette Knüsels Biographie übergeht auch solche scheinbaren Kleinigkeiten nicht, die sehr aufschlussreich und belebend sein können, wenn wir versuchen, uns ein Bild dieser zugleich fernen und vergangenen Welt zu machen. Nicht lange nach der kleinen Episode mit der ‚Schuhwaschung‘ ändert sich für Tsering Wangden das Leben allerdings radikal. Als Reinkarnation des 1938 verstorbenen VIII. Dagyab Kyabgön anerkannt, kommt er ins Kloster Magön in der Region Dagyab (Provinz Kham), wo er eine intensive und strenge Ausbildung in allen Bereichen der buddhistischen Lehre und Rituale empfängt.

„Rinpoche erinnert sich in diesem Zusammenhang an eine Äußerung seines jüngeren Tutors: ‚Wenn du auf dem Thron sitzt, musst du das Ritual leiten können. Wenn du in der Mitte der Reihe sitzt, musst du die Rezitation leiten können. Wenn du hinten sitzt, musst du als Ritualassistent dienen können.‘“ (S. 93) Durch die Intensität seiner Ausbildung fühlte sich Rinpoche „zeitlebens in den tantrischen Ritualen zu Hause, er kennt alles in- und auswendig.“ (ebd.) Er verschweigt aber auch nicht, was dies für ihn als Kind bedeutete:

„Ich habe quasi neun Jahre unter Hausarrest gelebt, denn ich konnte nicht gehen, wohin ich wollte. Insgesamt zehn Begleiter haben mich immer bewacht. So durfte ich nur einmal im Jahr, am Saka-Dawa-Fest, das Kloster auf dem Pferd umrunden. Nur zu feierlichen Anlässen durfte ich das Kloster verlassen und Mönchsversammlungen oder Ähnliches leiten. Welches Kind hat Freude daran? Ich konnte nicht spielen und habe – wie man mir später erzählte – meistens auf dem Thron geschlafen.“ (S. 66)

Man erfährt anhand vieler realistischer Beschreibungen, wie der klösterliche Lebens- und Ausbildungsalltag in den 1940er und 1950er Jahren gewesen ist, bis die politischen Umstände einen weiteren Verbleib in Tibet unmöglich machten. Nach der Unterdrückung des Tibetischen Volksaufstandes durch chinesische Truppen gelang es Rinpoche, 1959 nach Süd-Tibet zu flüchten. Von dort aus ging er zur tibetisch-indischen Grenze, von wo er S.H. den 14. Dalai Lama ins indische Exil begleitete.

Dagyab Rinpoche steht in der Mitte der zweiten Reihe direkt hinter S.H. Dalai Lama

Ein Leben, Drei Welten: Indien – 1959 bis 1966
In Dharamsala beendete Rinpoche seine buddhistischen Studien und erhielt den Geshe-Abschluss, ein akademischer Titel, der im Westen einem Dr. phil. entspricht. Von 1964 bis 1966 lebte er in New Delhi, wo er das dortige Tibethaus, ein international anerkanntes Institut für die Erhaltung und Unterstützung der tibetischen und buddhistischen Kultur, leitete. Zu dieser Zeit erhielt er eine Einladung von der Universität Bonn, um am dortigen Zentral-Asia-tischen Seminar in der Forschung zu arbeiten. Er nahm die Einladung an und kam also Mitte der 1960er Jahre nach Deutschland, das damals, verglichen mit heute, fast auch noch eine andere Welt war.

Ein Leben, Drei Welten: Deutschland – 1966 bis heute
An der Uni Bonn beginnt wieder ein anderes Leben. Der Abstand vom Alten Tibet, das Rinpoche als Kind und Jugendlicher noch kennengelernt hat, könnte kaum größer sein:

„Nachdem die Entscheidung gefallen war, dass er nach Deutschland gehen würde, hatte er, der bis dahin meist von Köchen oder Freunden bekocht worden war, sich in Indien sogleich intensiv mit dem Kochen auseinandergesetzt und gelernt, wie man diverse Gerichte zubereitet. Rinpoches Leben hatte sich binnen eines Jahres grundlegend geändert. In Tibet und Indien war er stets von vielen Menschen […] umgeben gewesen. […] Nun war er viel allein, es hatten sich noch nicht viele Kontakte zu Deutschen ergeben. Da er sehr sparsam sein musste, konnte er niemanden zu sich einladen. Das Geld war immer knapp.“ (S. 267)

Auch die Arbeit als Tibetologe an der Bonner Uni (mit Schwerpunkten in Ikonographie und Symbolkunde) bringt nicht nur äußerliche Veränderungen mit sich, sondern setzt auch erweiternde Akzente in der Wahrnehmung:

„Er gewöhnte sich an, tibetische Objekte, ob es sich um Wandmalereien, Statuen oder Thangkas handelte, nicht nur mit religiösem Interesse, sondern auch mit den Augen eines Wissenschaftlers zu betrachten und zu analysieren und stellt fest: ‚Immer wenn ich Texte lese, basiert mein grundlegendes Interesse natürlich auf meiner Hingabe. Aber diese Hingabe fußt nie auf blindem Glauben. Sie ist immer kombiniert mit Hinterfragen: Wieso ist das so, wieso ist jenes anders? – Ich habe mich sehr daran gewöhnt, zu untersuchen, zu forschen und zu finden, was die eigentliche Bedeutung einer Praxis oder eines Symbols ist.‘“ (S. 283)

38 Jahre lang forschte, lehrte und publizierte er am Zentralasiatischen Institut der Universität Bonn. Auf mehrfache Bitten von Interessierten begann Rinpoche dann auch im Westen buddhistische Unterweisungen zu geben. Dies führte zur Gründung des Tibethauses in Frankfurt, das heute ein umfangreiches buddhistisch-religiöses und kulturelles Programm anbietet und zur Bewahrung und Vermittlung des Tibetischen Buddhismus im Westen, wie auch der Titel eines Buches von Dagyab Rinpoche lautet, beiträgt.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der vielfältigen Aktivitäten, die Rinpoche in seinen ‚deutschen Jahren‘ an den Tag legte. Der dritte Teil des Buches von Sabine Leuschner und Annette Knüsel zeigt sie ausführlicher und zeichnet damit auch ein konkretes Bild vom Ankommen des Buddhismus im Westen.

Was wäre geworden, wenn das Alte Tibet, wie es Dagyab Rinpoche in seinen frühen Jahren noch kennengelernt hat, das Alte Tibet geblieben wäre? Er hätte sein Leben in Tibet verbracht und seine Funktion gut erfüllt, wie seine Vorgänger in der Linie der Dagyab Kyabgöns es getan haben. Er wäre in (s)einer Welt geblieben. Aber dann sind eben andere Bedingungen und Umstände eingetreten und das Leben führte ihn durch drei Welten: Tibet – Indien – Deutschland. Heute lebt Dagyab Rinpoche zusammen mit seiner Frau in der Nähe seiner Kinder und Enkelkinder in Berlin.

Rolf Blume

Das Buch ist im Mandala Dharma-Shop im Zentrum sowie über den Mandala Online-Shop erhältlich.